Eines der häufigsten Probleme, über das Patienten während einer Chemotherapie berichten, betrifft nicht die Schmerzen, sondern die geistige Klarheit. Sie vergessen Termine, verlieren den Faden von Gesprächen und haben Schwierigkeiten, Gelesenes zu verarbeiten. Diese kognitive Beeinträchtigung, auch bekannt als „Chemo-Gehirn“, betrifft bis zu 75 % der Patienten während der Chemotherapie. Besorgniserregend ist, dass das Chemo-Gehirn noch Jahre nach der Chemotherapie bestehen bleiben und die Betroffenen in ihrem Denken, Arbeiten und Alltag beeinträchtigen kann. Trotz dieser Häufigkeit fehlt es weiterhin an einer zuverlässigen Behandlungsmethode. Doch das könnte sich nun ändern – nicht durch ein weiteres Medikament, sondern durch Bewegung, wie die Ergebnisse einer der größten randomisierten Studien zu diesem Thema zeigen.
Ein anderer Ansatz: Bewegung als Therapie
Das Interessanteste an dieser Geschichte ist, was die Wissenschaftler des Wilmot Cancer Institute am Universitätsklinikum Rochester in den USA testeten. Anstatt ein weiteres Medikament hinzuzufügen, versuchten Karen Mustian, Ph.D., und ihre Kollegen etwas viel Einfacheres: Bewegung.
Bis vor Kurzem war die Evidenz für die Wirksamkeit von Bewegung als Therapie bei Chemotherapie-bedingten kognitiven Beeinträchtigungen gering. Die meisten Studien waren klein und methodisch uneinheitlich. Es gab keine landesweiten, multizentrischen, randomisierten, kontrollierten Phase-III-Studien – also solche, die eine Intervention in großem Umfang testen sollen. Veröffentlicht im Journal of the National Comprehensive Cancer Network (JNCCN) im Jahr 2026. Mustian et al. schlossen diese Lücke, indem sie 693 Patienten aus 20 onkologischen Praxen in den USA rekrutierten. Die meisten Teilnehmer waren Frauen mit Brustkrebs.
Patienten, die mit einer Chemotherapie begannen, wurden randomisiert und entweder der Standardversorgung oder einem sechswöchigen Bewegungsprogramm für Krebspatienten (EXCAP) zugeteilt. Dieses Programm umfasste personalisierte, häusliche Geh- und Widerstandsbandübungen mit niedriger bis mittlerer Intensität. Zu Beginn der Studie waren beide Gruppen ähnlich aktiv und legten täglich etwa 4.000 Schritte zurück. Nach Beginn der Chemotherapie veränderten sich ihre Aktivitätsmuster jedoch. Die tägliche Schrittzahl der Teilnehmer in der Standardversorgungsgruppe sank um mehr als die Hälfte. Im Gegensatz dazu hielten die Teilnehmer des Bewegungsprogramms ihre Schrittzahl konstant und absolvierten etwa dreimal wöchentlich ein Widerstandstraining mit einer durchschnittlichen Dauer von 25 Minuten. In der Standardversorgungsgruppe hingegen trieben nur sehr wenige Patienten überhaupt Widerstandstraining.
Im Verlauf der Studie erlitten alle Patienten während der Chemotherapie einen gewissen Grad an kognitiver Beeinträchtigung (Chemo-bedingte kognitive Störungen), was zu erwarten war. Diejenigen, die das Bewegungsprogramm absolvierten, wiesen jedoch einen weniger starken Rückgang auf als diejenigen, die die Standardbehandlung erhielten.
- Geringere allgemeine kognitive Beeinträchtigung
- Bessere wahrgenommene kognitive Funktion
- Weniger Anzeichen kognitiven Abbaus, die von anderen bemerkt werden
- Reduzierte geistige Erschöpfung
Im Wesentlichen wiesen Patienten, die Sport trieben, weniger kognitive Probleme auf, und selbst ihr Umfeld bemerkte den Unterschied (Abbildung 1). Bei einer Erkrankung, die oft als subjektiv abgetan wird, ist diese Übereinstimmung zwischen Selbstauskunft, Fremdbeobachtung und formalen Tests kaum zu ignorieren. Nach Abschluss des Programms berichteten die meisten Teilnehmer (92 %) auch von einer positiveren Einstellung zu Bewegung. Fast alle (97 %) gaben an, es anderen Chemotherapie-Patienten zur Linderung kognitiver Symptome weiterzuempfehlen.
Eine wichtige Einschränkung dieser klinischen Studie ist, dass diese Vorteile bei Patienten mit längeren Chemotherapiezyklen (3 oder 4 Wochen) nicht beobachtet wurden, obwohl deren Einhaltung des Trainingsprogramms vergleichbar mit der von Patienten mit kürzeren Zyklen (2 Wochen) war. Obwohl die genaue Ursache unklar bleibt, vermuten Mustian et al., dass Patienten mit längeren Zyklen möglicherweise kränker sind und eine höhere oder längere Trainingsdosis benötigen, um kognitive Vorteile zu erzielen.
Abbildung 1. Bewegung hilft, die kognitive Funktion während der Chemotherapie zu erhalten. Die blaue Linie repräsentiert Patienten, die das Bewegungsprogramm absolvierten, die rote Linie Patienten, die die übliche Behandlung erhielten. Links: Bei Patienten, die sich einer Chemotherapie unterzogen, verschlechterten sich die kognitiven Fähigkeiten im Laufe der Zeit. Diejenigen, die das Bewegungsprogramm absolvierten, wiesen jedoch einen deutlich geringeren Rückgang auf. Rechts: Auch Angehörige und Freunde bemerkten kognitive Probleme bei Patienten, die Sport trieben, seltener. Quelle: Adaptiert nach Mustian et al. (2026), Journal of the National Comprehensive Cancer Network.
Warum sollte Sport dem Gehirn überhaupt helfen?
Auf den ersten Blick erscheint es fast zu simpel, um von Bedeutung zu sein. Wie könnten schließlich Spaziergänge und leichtes Krafttraining etwas so Komplexes wie die Kognition beeinflussen? Die Antwort liegt möglicherweise darin, wie Chemotherapie und Bewegung nicht nur das Gehirn, sondern auch das Immunsystem beeinflussen.
Wenn eine Chemotherapie Zellschäden und Stress verursacht, setzt der Körper Entzündungssignale in den Blutkreislauf frei. Dazu gehören Zytokine wie Interleukin-6 (IL-6), Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) und Interferon (IFN), die die Blut-Hirn-Schranke überwinden und so das Gehirn erreichen können. Dort angekommen, lösen diese Zytokine eine Kaskade verstärkter Neuroinflammation und oxidativen Stresses aus, wodurch Neurotransmission, Neurogenese und Neuroplastizität gestört werden. Zahlreiche Studien haben tatsächlich einen Zusammenhang zwischen höheren Konzentrationen entzündungsfördernder Zytokine und schlechteren kognitiven Ergebnissen während und nach der Chemotherapie nachgewiesen.
Im Gegensatz zu Medikamenten, die Entzündungen hemmen, scheint Bewegung das Immunsystem neu zu trainieren. Beim Sport erhöht der Körper kurzzeitig die Anzahl entzündungsfördernder Signale, doch darauf folgt rasch eine koordinierte entzündungshemmende Reaktion – selbst bei Patienten unter Chemotherapie. Ein wichtiges Beispiel ist IL-6. Obwohl es normalerweise entzündungsfördernd wirkt, aktiviert das von der Skelettmuskulatur während des Trainings freigesetzte IL-6 entzündungshemmende Prozesse, wie beispielsweise die Erhöhung von IL-10 und des IL-1-Rezeptorantagonisten (IL-1RA) (Abbildung 2). Mit der Zeit trägt regelmäßige Bewegung dazu bei, die Fähigkeit des Körpers zur Regulierung seiner Immunaktivität wiederherzustellen.
Abbildung 2. Wie Bewegung dem Körper hilft, Entzündungen zu kontrollieren. Während körperlicher Aktivität setzen Muskeln Signalmoleküle wie Interleukin-6 (IL-6) frei, die wiederum entzündungshemmende Prozesse anregen. Gleichzeitig werden Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol freigesetzt, die dazu beitragen, schädliche Entzündungssignale wie den Tumornekrosefaktor (TNF) zu unterdrücken. Im Fettgewebe bewirkt Bewegung eine Verschiebung der Immunzellen von einem eher entzündungsfördernden Zustand (M1) in einen eher schützenden, entzündungshemmenden Zustand (M2), während gleichzeitig die Fettmasse reduziert und der Stoffwechsel verbessert wird. Quelle: Gleeson et al. (2026), Nature Reviews Immunology.
In der klinischen Studie beobachteten Mustian et al. dieses Muster ebenfalls. Patienten, die Sport trieben, zeigten eine ausgeglichenere Entzündungsreaktion. Anstatt jedes Zytokin einzeln zu untersuchen, nutzten Mustian et al. ein statistisches Verfahren namens Strukturgleichungsmodellierung, um eine Gesamtentzündungsreaktion auf Basis der Aktivität mehrerer Zytokine, darunter IL-1β, IL-6, IL-8, IL-10, IFN-γ und löslicher TNF-Rezeptor 1 (sTNFR1), zu erfassen. Patienten, die Sport trieben, wiesen eine koordiniertere Zytokinreaktion auf – die sich in simultanen Veränderungen sowohl pro- als auch antiinflammatorischer Marker widerspiegelte – und tendierten zu besseren kognitiven Ergebnissen.
Mustian et al. kamen daraufhin zu dem Schluss: „Onkologen sollten erwägen, Mitarbeiter in ihren Kliniken zu schulen oder Patienten an qualifizierte Bewegungsexperten in ihrer Umgebung zu verweisen, um individuell zugeschnittene Trainingsprogramme zu erstellen, die Gehen und Übungen mit Widerstandsbändern kombinieren, um [kognitive Beeinträchtigungen] und mentale Erschöpfung bei Patienten, die eine Chemotherapie erhalten, zu reduzieren.“
Bewegung hilft mehr als nur dem Gehirn
Die positiven Auswirkungen von Bewegung beschränken sich nicht allein auf das Gehirn. So zeigte beispielsweise eine Metaanalyse aus dem Jahr 2026, die 21 klinische Studien mit Brustkrebspatientinnen umfasste, dass Bewegung die allgemeine Lebensqualität während der Chemotherapie verbesserte. Dies beinhaltete eine bessere körperliche Leistungsfähigkeit, ein besseres psychisches Wohlbefinden und ein höheres Energieniveau. Diese Vorteile wurden unabhängig von der Art der Bewegung (Ausdauer-, Kraft- oder kombiniertes Training) und dem Wohnort (Amerika, Europa oder Asien) beobachtet. Eine umfassendere systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 kam für alle Krebsarten zu einem ähnlichen Ergebnis: Bewegung während der Chemotherapie ist sicher und verbessert die Körperzusammensetzung, die Fitness und die Lebensqualität.
Jüngste Metaanalysen deuten zudem darauf hin, dass Bewegung die Symptome einer Chemotherapie-induzierten peripheren Neuropathie (CIPN) und einer tumorbedingten Fatigue (CRF) lindern kann. Sowohl CIPN als auch CRF sind häufige Nebenwirkungen einer Chemotherapie, wie bereits auf unserer Webseite „Integrative Cancer Care“ beschrieben. Es gibt Hinweise darauf, dass Bewegung die kardiometabolischen Funktionen und die Therapietoleranz verbessern kann, wodurch Patienten die Wahrscheinlichkeit erhöhen, die Krebstherapie abzuschließen und früher in den Beruf zurückzukehren. Längsschnittstudien zeigen darüber hinaus, dass Bewegung das Risiko eines Krebsrezidivs und des Todes bei Krebsüberlebenden über einen Nachbeobachtungszeitraum von 5–8 Jahren reduziert (Abbildung 3).
Abbildung 3. Bewegung verbessert die Behandlungsergebnisse nach einer Chemotherapie. Patienten, die ein strukturiertes Bewegungsprogramm absolvierten, blieben im Vergleich zu Patienten, die lediglich Gesundheitsinformationen erhielten, mit höherer Wahrscheinlichkeit langfristig krebsfrei. Nach fünf Jahren hatten 80,3 % der Patienten in der Bewegungsgruppe weder ein Rezidiv noch eine neue Krebserkrankung oder einen Todesfall, verglichen mit 73,9 % in der Kontrollgruppe – ein signifikanter Unterschied von 6,4 Prozentpunkten. Quelle: Courneya et al. (2025), New England Journal of Medicine.
Abgesehen von der kognitiven Beeinträchtigung durch Chemotherapie (Chemo-bedingte kognitive Störungen) deuten immer mehr Forschungsergebnisse darauf hin, dass körperliche Aktivität verschiedene Bereiche positiv beeinflussen kann, die durch Chemotherapie beeinträchtigt werden: Lebensqualität, Fitness, Symptombelastung, Therapieverträglichkeit und sogar die langfristige Gesundheit. Aus diesem Grund wird Bewegung in den Krebsleitlinien mittlerweile als legitimer Bestandteil der unterstützenden Therapie anerkannt. So stellt beispielsweise die American Cancer Society fest, dass Bewegung für die meisten Menschen vor, während und nach der Krebstherapie sicher und hilfreich ist. Die European Society for Medical Oncology (ESMO) und die European Cancer Patient Coalition (ECPC) empfehlen ebenfalls mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche, um Angstzustände, Müdigkeit und Stress zu reduzieren. Gehprogramme gelten im Allgemeinen als sicher für die meisten Betroffenen.
Manchmal sind die wirkungsvollsten Interventionen nicht neue Medikamente, sondern neue Wege, den Körper zu verstehen und mit ihm zu arbeiten.



